Newsletter April 2018

Welches Krankenhaus hat Zukunft?
Reinald Wolff im Gespräch mit Dr. Bernhard Schirmers

Dr. Bernhard Schirmers, SHS, im Gespräch mit Reinald Wolff (rechts)

Dr. Bernhard Schirmers, SHS, im Gespräch mit Reinald Wolff (rechts)

40 Prozent der Klinikärzte sind mit ihrer Arbeit im Krankenhaus weniger oder gar nicht zufrieden. Woran das liegt? Unter dem Titel „Zukunft Krankenhaus – Was uns zufrieden macht, was uns stört, was wir uns wünschen“ befragte Schmid & Wolff Management Consultants Ende 2017 etwa 50 Klinikärztinnen und -ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen eingehend zu drei Themen: Prozesse und Zusammenarbeit, Arbeitszufriedenheit und Qualität der Weiterbildung sowie Krankenhaus der Zukunft. Im Gespräch mit SHS-Gründer Dr. Bernhard Schirmers erläutert Reinald Wolff, Geschäftsführer von Schmid & Wolff Management Consultants, die Ergebnisse der Befragung.

Dr. Bernhard Schirmers (BS): In der Diskussion über das Krankenhauswesen in Deutschland herrscht ja häufig ein gewisser Alarmismus: Man spricht von einem Pflegenotstand und beklagt, dass nicht genug Geld für Infrastruktur oder für Innovationen vorhanden sei. Wie sehen das die Klinikärzte?

Reinald Wolff (RW): Ärzte im Klinikalltag haben eine andere Perspektive. Sie sehen den Patienten, ihre Arbeit und die organisatorischen Rahmenbedingungen. Pflegenotstand wird eher differenziert erlebt. Manchmal wird die Besetzung auf der Station als zu knapp wahrgenommen, andere sprechen von Leerlauf, in manchen Fällen wird die Qualifikation des Personals als nicht ausreichend empfunden. Was den Befragten auffällt, ist, dass trotz wirtschaftlichem Druck beispielsweise mit Materialien zu großzügig umgegangen wird. Zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, dass ihre Klinik nicht effizient arbeitet. Folgen sind beispielsweise unnötig lange Wartezeiten für Patienten. Das sehen 70 Prozent der Befragten so. Überhaupt scheint das Thema Wirtschaftlichkeit auf der Arbeitsebene nicht sonderlich transparent. Woran misst sie sich in den täglichen Prozessen? Was kann man besser machen? Was speziell Assistenzärzten und -ärztinnen unter den Nägeln brennt, ist die gezielte Unterstützung in ihrer Ausbildung. Daran mangelt es offenbar leider sehr häufig. Das ist sicherlich auch ein Grund für die durchwachsene Arbeitszufriedenheit.

BS: Krankenhäuser gelten als ziemlich strukturkonservativ. Wie kommen Klinikärzte und -ärztinnen mit dem Spagat zwischen guter Medizin, Zeitdruck und teils unzulänglichen Prozessen zurecht? Was muss besser werden?

RW: Ärzte wollen Zeit für Patienten haben und gute Medizin machen. Da stören dann Zeitfresser wie beispielsweise aufwändige IT-Programme zur Arztbrieferstellung. Es kostet auch Zeit, wenn Prozesse nicht rundlaufen oder die interne Zusammenarbeit mühsam ist. Das betrifft die Kooperation mit anderen Fachrichtungen oder Abteilungen, vor allem aber die Parallelhierarchien von ärztlichem Dienst und Pflege. Beklagt werden beispielsweise ein „Unverständnis gegenüber den Arbeitsabläufen des jeweiligen anderen“ sowie ein „Nebeneinander, statt Miteinander“ in der täglichen Arbeit. Ich glaube, viele Krankenhäuser brauchen ein neues Betriebsmodell. Dabei wird viel von patientenorientierten Prozessen gesprochen. Aber dass das keine rein technokratische Maßnahme ist, wird erst allmählich realisiert. Es braucht andere Aufgabenzuschnitte und Strukturen, übergreifende Verantwortung oder so etwas wie dienende Führung. Da ließe sich sicherlich auch viel von der Industrie lernen.

BS: Schlagwort „Krankenhaus der Zukunft“. Worauf kommt es denn aus Sicht der Befragten am meisten an?

RW: Der Blick in die Zukunft zeigt Chancen und Risiken. Auch künftig lebt das Krankenhaus von seinen Mitarbeitern und der Zusammenarbeit untereinander. Es wird aber kein statisches Gebilde mehr sein, sondern eher ein Gesundheitsnetzwerk. Der interdisziplinären Zusammenarbeit, auch mit niedergelassenen Ärzten, wird von den Befragten ein hoher Stellenwert beigemessen. Die Digitalisierung von Prozessen, beispielsweise rund um eine elektronische Patientenakte, erscheint da fast als zwingende Voraussetzung. Es gibt aber die Befürchtung, dass unter der fortschreitenden Digitalisierung des Informationsaustauschs die Zeit für das persönliche Gespräch mit Patienten fehlt. Eine weitere Gefahr: High-Tech-Medizin könnte zu Kompetenzeinbußen bei Ärzten führen, beispielsweise in ihrer Fähigkeit, manuell zu untersuchen oder Diagnosen zu stellen – analog zum Navigationssystem im Auto, das unseren Orientierungssinn verkümmern lassen kann. Generell jedoch verbinden sich mit dem Krankenhaus der Zukunft große Hoffnungen darauf, die heute erlebten Defizite in Organisation und täglicher Arbeit zu überwinden.

BS: Welche innovativen Geschäftsmodelle könnten sich denn eröffnen, wenn man Ihre Studienergebnisse reflektiert?

RW: Der Schlüssel liegt in der interdisziplinären Vernetzung der medizinischen Dienstleister. Durch das Zusammenspiel von neuen medizinischen Verfahren, der Erfahrung des Arztes, und durch den Einsatz von Telemedizin für Patienten können Synergieeffekte erzielt werden. Das ist einerseits eine technische Frage, beispielsweise von elektronischer Akte, Datensicherheit oder der IT-Plattform, vor allem aber eine kulturell-organisatorische Herausforderung. Die etablierten Akteure wie Krankenhäuser, Kassenärztliche Vereinigung und Kassen scheinen hier noch sehr auf die Verteidigung ihrer angestammten Rollen und die Verteilung des Budget-Kuchens fixiert zu sein. Ein funktionierendes Zusammenspiel eröffnet aber viel Raum für neue unternehmerische Lösungen – im Verbund mit Technologieanbietern, aufgeschlossenen Kassen, die die Finanzierung ermöglichen, und mündigen Patienten.

Autor: Reinald Wolff, Geschäftsführer Schmid & Wolff, Management Consultants, Herrenberg

Link zur Studie: http://krankenhaus-consult.de/wp-content/uploads/2018/01/Studie_Zukunft-Krankenhaus-2017.pdf

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