Healthcare Investment – der Markt für Healthcare und Medizintechnik

Wussten Sie, dass die erste Zahnbehandlung vor mehr als 14.000 Jahren in einer Felsenhöhle zwei Autostunden nördlich von Bozen durchgeführt wurde? Eine Meisterleistung war das, die da mit einer spitzen Steinklinge durchgeführt wurde. Wenn man so will, ein sehr frühes Zeugnis der Medizintechnik. Die ersten Amalgam-Zahnfüllungen wurden bereits im 7. Jahrhundert in China vorgenommen. Auch das ein Meilenstein der Medizin und der Medizintechnik. Heute schreiben Firmen wie die schweizerische TRI Dental Implants Medizintechnik-Geschichte im Dentalbereich: mit der Einführung eines völlig neuartigen zahnmedizinischen Implantatsystems matrix®.

Der Branchenverband BVMed geht in seinem lesenswerten Text „Geschichte und Trends der Medizintechnologie“ davon aus, dass zu den ersten Medizinprodukten Blätter und Stücke von Baumrinden gehörten, die unseren Vorfahren dazu dienten, Blutungen zu stillen und Wunden zu versorgen. Medizintechnologie und Medizinprodukte spielen, neben dem ärztlichen Können, schon seit langer Zeit eine große Rolle im Gesundheitswesen. Denken wir etwa an den Arzt Sir Joseph Lister (1827 – 1912) der 1867 ein Verfahren zur Desinfektion des gesamten OP-Umfeldes publizierte und heute als Vater der Antiseptik gilt. Andere Produkte aus dem Medizintechnikbereich, die wir alle kennen, sind zum Beispiel: Spritzen, Skalpelle, Hüft- und Knieimplantate, Herzschrittmacher und Stents oder, ganz aktuell, Healthcare-Apps wie die App von Selfapy, die Patienten mit Depressionen helfen kann. Im Gerätebereich sind uns allen Ultraschallgeräte vertraut oder hochempfindliche Endoskope, wie sie etwa das Unternehmen Blazejewski in 2D- und 3D-Ausführung für den Weltmarkt produziert.

Helathcare Investement: Mittelständisch, innovativ, agil

Die Gesundheitswirtschaft in Deutschland (aber auch in Europa) zählt mit den Bereichen Medizintechnik, Healthcare, Life Science und Pharma zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Mit 364,5 Milliarden Euro (Prognose 2020 des Bundesministeriums für Gesundheit) erwirtschaftet diese vielseitige und extrem innovative Branche 12,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Wie wichtig der gesamte Sektor Healthcare mit all seinen Teilbereichen ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Pandemie. Einer stabilen Medtech- und Healthcare-Branche kommt gerade bei der Bewältigung dieser enormen medizinischen Herausforderung eine bedeutende Rolle zu. Dies haben Politik und Bevölkerung erkannt.

Neben einem Gesundheitssystem, das zu den besten der Welt zählt, spielt vor allem der industrielle Bereich der Gesundheitswirtschaft, sprich: die Medtech- und die Healthcare-Branche, eine große Rolle. 20,6 Prozent, so das Bundesministerium für Gesundheit, beträgt der Anteil der industriellen Gesundheitswirtschaft (iGW) an der gesamten Gesundheitswirtschaft. Dieser Markt umfasst so unterschiedliche Bereiche wie Medizinprodukte, Krankenhaustechnik, bildgebende und andere Diagnostik, Biotech/Life Science, medizinische Informatik, Einzel- und Großhandelsleistungen und – immer wichtiger – E-Health-Produkte und digitale Anwendungen.

Die Branche ist wenig konjunkturabhängig, hoch innovativ und zudem ein Jobmotor für die gesamte deutsche Wirtschaft. In der iGW arbeiten derzeit rund 1,0 Millionen Beschäftigte in Deutschland, das sind rund 100.000 Erwerbstätige mehr als im Jahr 2011. Als zentrale Schlüsselsektoren der industriellen Gesundheitswirtschaft nennt der Branchenverband BVMed: Pharma, Medtech, F&E und E-Health, die im Jahr 2019 insgesamt 81,2 Mrd. Euro erwirtschaftet haben.

Medizintechnik

Allein die deutsche Medizintechnik-Industrie, in der sich die SHS als spezialisierter Brancheninvestor seit 1993 mit Erfolg bewegt, beschäftigt in Deutschland 235.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Mehrzahl der Betriebe in der Medizintechnik sind KMUs. 93 Prozent der Medtech-Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter. Der Mittelstand ist „der“ Arbeitgeber dieser Branche. Und der Mittelstand ist es auch, der diese Branche mit seinen Innovationen vorantreibt. Rund 9 Prozent ihres Umsatzes investieren die Medtech-Unternehmen in Forschung und Entwicklung. Ein Drittel aller Produkte sind jünger als drei Jahre, auch das ein Zeichen für die Innovationskraft der Branche. Die Medizintechnik ist in Europa übrigens auch in Sachen Patentanmeldungen führend: 14.295 Patente genehmigte das Europäische Patentamt (EPA) in München im Jahr 2020. Damit hat sich die Branche wieder die Spitzenposition erobert. Führend bei den Patenten sind die US-Unternehmen, aber Deutschland belegt mit 1.210 Patentanmeldungen in 2020 einen hervorragenden zweiten Platz, gefolgt von Japan, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz.1

Auch wenn der Markt für Medizintechnik ein stabiler Konjunkturfaktor ist, gibt es natürlich auch hier Herausforderungen, denen sich die meist mittelständischen Medtech-Unternehmen zu stellen haben. Da wären zum Beispiel aufgrund der Corona-Pandemie die Probleme mit den globalen Lieferketten, auf deren Funktionieren alle Industrienationen angewiesen sind. Darüber hinaus wurden seit Ausbruch der Pandemie immer wieder mal elektive Operationen verschoben, was bei manchen Unternehmen zu Nachfragerückgängen geführt hat. Zwei wirklich große Herausforderungen sind allerdings die steigenden Zulassungsanforderungen für Medizinprodukte in der EU durch die Medical Device Regulation (kurz: MDR), aber auch in China. Hier kommt auf die exportorientierte Medtech-Industrie erheblicher zeitlicher und finanzieller Aufwand zu. Brancheninvestoren wie die SHS merken dies auch und unterstützen ihre Portfoliounternehmen hier mit Kapital und Know-how. Eine weitere große Herausforderung ist die Digitalisierung des gesamten Gesundheitswesens, die natürlich auch die Medtech- und Healthcare-Industrie betrifft, wie SHS-Partner Dr. André Zimmermann in seiner regelmäßigen Kolumne auf dem Branchenportal medtech zwo betont. Weitere Stichworte hier sind: Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik in der Medizin.

Life Science

Die Life-Science-Branche verbindet verschiedene Forschungs- bzw. Industriebereiche interdisziplinär. Das Fachportal Chemie.de schreibt dazu:

„Unter Life Sciences oder auch lifesciences (deutsch: Lebenswissenschaften) versteht man im englischen und internationalen wissenschaftlichen Sprachgebrauch naturwissenschaftliche Forschungsrichtungen mit stark interdisziplinärer Ausrichtung, die sich überwiegend mit der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Medizin sowie angrenzender Gebiete beschäftigen und zudem gezielt marktwirtschaftlich orientiert arbeiten.“2

Life Sciences beinhalten laut Wikipedia Bereiche wie: „Medizin, Biomedizin, Pharmazie, Biochemie, Chemie, Molekularbiologie, Biophysik, Bioinformatik, Humanbiologie, aber auch Agrartechnologie, Ernährungswissenschaften und Lebensmittelforschung bis hin zu wissenschaftlicher Aufarbeitung biogener natürlicher Ressourcen und Biodiversitätsforschung.“

Die deutsche Life-Science-Industrie ist übrigens nicht nur sehr vielseitig, sie hat auch ihre Leistungsfähigkeit und Innovationskraft gerade im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 unter Beweis gestellt. Die Branche ist im Jahr 2020 so stark gewachsen wie seit Jahren nicht mehr, meldet der Verband Biotechnologie-Industrie-Organisation Deutschland e.V. Der Umsatz stieg um 36 Prozent, die Aufwendungen für F&E um 37 Prozent. Auch Unternehmen aus dem Beteiligungsportfolio der SHS sind in diesem Bereich erfolgreich unterwegs: So unterstützt das Leipziger Unternehmen c-LEcta einige Hersteller von Corona-Impfstoffen mit dem Enzym DENARASE®. Führend auf ihrem Gebiet ist auch die SHS-Beteiligung AMW GmbH, wenn es um die Entwicklung und Herstellung von biologisch abbaubaren slow-release-Formulierungen und first-to-market-Generika geht.

Eigentlich kaum verständlich ist es, wenn die deutschen Life-Science-Unternehmen, und da vor allem die Start-ups, Probleme bei der Kapitalbeschaffung haben. Auch der Fachverband beklagt, dass den Unternehmen in diesem Sektor häufig die notwendige Unterstützung in Form von Eigenkapital und Fördermöglichkeiten fehlt. Hier bieten sich für erfahrene Brancheninvestoren gute Chancen.

Diagnostika

Life-Science-Research (LSR) und In-vitro-Diagnostika (IVD) sind die beiden Bereiche, mit denen sich die Diagnostika-Industrie beschäftigt. Und auch dieses Segment der industriellen Gesundheitswirtschaft war und ist von der Corona-Pandemie betroffen. Ob PCR-Tests oder Antigen-Schnelltests oder Testgeräte: im Kampf gegen das Corona-Virus leisten LSR und IVD exzellente Teamarbeit.

„Die Akutdiagnostik mittels RT-PCR (Reverse Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion) ist zurzeit der Goldstandard im Kampf gegen das Corona-Virus. Sie ist ein Beispiel für den Brückenschlag zwischen der In-vitro-Diagnostika- und der Life-Science-Research-Industrie (LSR), denn beide Industrien bilden mit ihren Tests und Test-Kits (IVD) und dem RT-PCR-Verfahren (LSR) ein aufeinander basierendes System, mit dem Menschen flächendeckend und in großer Anzahl in Laboren nicht nur bundesweit, sondern auf dem ganzen Globus getestet werden können.“3

Das SHS-Portfoliounternehmen numares Health bietet mit AXINON® das erste modulare softwarebasierte System für die klinische Diagnostik für die unterschiedlichsten Einsatzgebiete an. So kommen die AXINON® IVD-Tests u. a. in diesen Bereichen zum Einsatz: Herz-Kreislauf, Nephrologie, Transplantation, Onkologie und Neurologie. Zur Leistungsfähigkeit der numares Produkte trägt in hohem Maße auch Künstliche Intelligenz bei.

Bildgebende Diagnostik

Einen weiteren großen Bereich in der Diagnostik machen die bildgebenden Diagnostikverfahren aus. Auch hier spielt Künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle. Leistungsstarke KI-Systeme in Verbindung mit modernster Radiologie- oder Labortechnik können hier zu präziseren und schnelleren Analyseergebnissen führen. Dr. André Zimmermann spricht in diesem Zusammenhang von der KI als einem Game Changer in Bezug auf die Diagnose und Behandlung von Tumorerkrankungen mit KI.

Experten gehen davon aus, dass die Digitalisierung in Verbindung mit KI der Diagnostik einen enormen Schub verleihen wird: zum Wohl der Patienten, deren Krankheiten schneller erkannt und damit auch schneller behandelt werden können.

Digital Health

Die Digitalisierung, das haben die letzten 24 Monate gezeigt, ist einer der großen Megatrends, der die Healthcare-Branche in den nächsten Jahren bestimmen wird. Allerdings hat Deutschland noch sehr großen Nachholbedarf, was die Digitalisierung des Gesundheitswesens angeht. Die Healthcare-Branche hat diesen Trend längst erkannt und sieht in der Umfrage des BVMed Business Intelligence, Datenanalyse, medizinische Apps nach DiGA, Big Data und KI als dominierende Themen an. Dabei zieht sich die Digitalisierung durch die gesamte „Patient Journey“.

Das beginnt beim Bereich mHealth mit Monitoring, Telemedizin und Wearables. So gibt es zum Beispiel vom finnischen Hersteller Neuro Event Labs ein KI-basiertes Diagnostik-System zur Überwachung von Epilepsiepatienten.4

Im Bereich der Praxen wird die Smart Praxis ebenfalls auf uns zukommen und mit ihr die sogenannte eHealth wie die elektronische Patientenakte (ePA), Telesprechstunden, Telemonitoring oder das eRezept. Von der Smart Praxis geht es ins Smart Hospital, wo Big Data, KI und Robotik schon heute nicht mehr aus dem Klinikalltag wegzudenken sind. Auch die personalisierte Medizin ist ohne Digital Health nicht denkbar. Ebenso wenig wie die eReha und die Nachsorge.

Alles in allem kann man sagen, „dass die Digitalisierung im Healthcare-Sektor alle Bereiche, von der Vorsorge über Diagnose, Therapie, Reha bis hin zu Wissenschaft und Forschung, betrifft“, so Dr. André Zimmermann.

Healthcare: Wachstumsmarkt, auch für Investoren

Die Medizintechnik- und Healthcare-Branche ist, darin sind sich die Experten einig, ein Wachstumsmarkt mit Zukunft. Dazu trägt zum einen der demografische Wandel bei: steigende Lebenserwartungen in den Industrieländern und steigender Wohlstand in den Schwellenländern. Hinzu kommt der technologische Fortschritt dieser Branche: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Robotik in der Medizin. Nicht zu vergessen ist auch der medizinische Fortschritt, der durch die technischen Innovationen erst möglich wird, Stichwort: personalisierte Medizin. Darüber hinaus hat Covid-19 gezeigt, dass ein funktionierendes Gesundheitssystem und eine stark innovative Healthcare-Industrie in ihrer Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Und: Niemand weiß, welche medizinische Herausforderung nach Corona kommt.

Hubertus Leonhardt, SHS-Partner und Geschäftsführer, betont im Gespräch mit Dr. Hanno Kühn, Chief Investment Officer (CIO) und Leiter des institutionellen Anlagegeschäfts der apoBank, die exzellenten Aussichten des Gesundheitsmarktes. Sein klarer Rat: „Gerade auch den institutionellen Anlegern aus dem Bereich des Managements von Renten- und Versorgungsansprüchen würde ich empfehlen, sich intensiver mit der dynamischen und resilienten Healthcare-Branche zu befassen.“ Leonhardt geht davon aus, dass Healthcare-Unternehmen, die die Herausforderungen (Digitalisierung, KI, MDR usw.) annehmen, sehr gute Zukunftsaussichten haben, ob Mittelständler oder Wachstumsunternehmen. Die SHS wird diese Unternehmen mit Kapital aus ihren Fonds unterstützen und so dazu beitragen, dass der Medtech-/Healthcare-Sektor einer der führenden Wirtschaftszweige bleiben wird. Große Chancen für Private-Equity-Investoren und Investitionen in Fonds.

Quellen: 

1 Ärztezeitung: https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Medizintechnik-holt-sich-Pole-Position-bei-Patentanmeldungen-zurueck-417910.html
2 Chemie.de: https://www.chemie.de/lexikon/Life_Sciences.html
3 Verband der Diagnostika-Industrie: https://www.vdgh.de/covid-19/sars-cov-2-und-die-industrie/artikel14181
4 medtech zwo: https://medtech-zwo.de/aktuelles/finanzkolumne/finanzkolumne/medtech-inside-teil-8-digitalisierungstrends-im-healthcare-bereich.html