29. Oktober 2020 - Newsletter

Medtech im Umbruch!

Corona, Digitalisierung, Regulierung, Brexit: welche Herausforderungen kommen auf den Medtech-Sektor zu, und warum braucht es gerade jetzt eine solide Eigenkapitaldecke?

Dr. André Zimmermann ist Partner des Tübinger Brancheninvestors SHS und als Business-Development-Experte weltweit im Medtech-Sektor bestens vernetzt. Der promovierte Naturwissenschaftler verhilft den SHS-Portfoliounternehmen aus dem Venture- und Mittelstandsbereich zu einem direkten und schnellen Zugang zu Key-Opinion-Leadern aus der Medizin und zu Entscheidungsträgern in internationalen Medtech-Konzernen aus Europa, USA und Asien.

Herr Dr. Zimmermann, auch der Medtech-Sektor hat mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Wo sehen Sie die zentralen Herausforderungen für diese Unternehmen?

Dr. André Zimmermann: Wie wir alle gerade lernen, steht uns mit dem Herbst eine weitere kritische Phase der Pandemie bevor. Ganz gleich, ob es eine intensive zweite Welle gibt oder, was wir hoffen, es weniger problematisch verläuft. Deutschland schlägt sich bisher gut, aber ein Blick über die Grenzen zeigt, dass das Virus immer dann zuschlägt, wenn man ihm Chancen einräumt. Für die produzierenden Medtech-Unternehmen wäre ein zweiter Lockdown ähnlich negativ wie im Frühjahr. Das müssen wir auf jeden Fall vermeiden! Der Vertrieb und auch ganz konkret die Logistik sind für viele Unternehmen derzeit ein echtes Problem. Die Frachtkapazitäten sind einfach viel geringer als vor Corona. Wenn man da zum Beispiel schnell Enzym-Kits von Leipzig nach New York schicken will, ist das eine Herausforderung. Sollten die Fallzahlen in Deutschland wieder deutlich steigen und die Maßnahmen verschärft werden, könnte dieses Problem sich wieder verstärken.

Was ist mit der Verordnung über Medizinprodukte, der MDR?

Die Einführung der verschärften Zulassungsanforderungen wurden zwar auf Mai 2021 verschoben, was den Unternehmen Luft verschafft hat. Sollte sich die Pandemie aber noch länger hinziehen, könnte diese Deadline gerade die kleineren und mittleren Medtech-Hersteller dennoch hart treffen. Wir von der SHS versuchen, mit unserer Erfahrung und Expertise unseren Portfoliounternehmen zu helfen, wo wir können. Und wenn wir schon von Zulassung sprechen, dürfen wir den Brexit nicht vergessen. So wie es aussieht, wird die CE-Kennzeichnung für den UK-Markt nicht ausreichen. Die Briten werden ab 2021 eine eigene Zulassung für Medizintechnikprodukte verlangen. Dies wird auch für bereits zugelassene Produkte gelten, diese müssen dann ab 2023 nochmals neu zugelassen werden. Eine ärgerliche, harte Hürde für die mittelständische europäische Medtech-Industrie.

Welche Rahmenbedingungen gilt es noch zu bedenken?

Die Implementierung des DVG (Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation, kurz: Digitale Versorgung Gesetz) ist in vollem Gang, wenn auch mit etwas Verzögerung aufgrund der Umstände. Deutschland hat hier die Chance, sich in Sachen Digital Health weltweit ganz vorne zu positionieren. Wir sollten die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Verbesserung der Patientenversorgung und zur Effizienzsteigerung unseres Gesundheitswesens nutzen – ein wichtiger Aspekt vor dem Hintergrund steigender Ausgaben u.a. wegen Corona. Es kann doch nicht sein, dass man als Patient mehrfach Röntgenbilder für verschiedene Fachärzte anfertigen lassen muss, nur weil diese nicht zentral zur Verfügung gestellt werden können.

Das DVG ist ein guter Rahmen; ich wünsche mir, dass alle Parteien jetzt ideologiefrei daran arbeiten, dass die Umsetzung schnell ein Erfolg wird. Ein bürokratischer Rohrkrepierer wäre auch für unsere Medtech-Unternehmen, die weltweit agieren, schlecht fürs Image.

Welche Vorteile digitale Technologien im Healthcare-Bereich haben, hat sich jetzt in der Pandemie schon gezeigt: Tele-Consulting, Tele-Monitoring, da hat sich in kurzer Zeit viel getan. Das wird hoffentlich so weitergehen. Auch wir haben mit Selfapy ein Portfoliounternehmen, das via App qualifizierte psychotherapeutische Hilfen anbietet – ein wichtiges Angebot für Betroffene, nicht nur während der Corona-Pandemie.

Was bedeutet die Digitalisierung für den Medtech-Mittelstand?

Die Digitalisierung wird auch in der Medtech-Branche zu Veränderungen führen. Geschäftsmodelle werden sich anpassen müssen, oder sie werden verschwinden. Jungen, technologieaffinen Unternehmen bieten sich neue Geschäftsmöglichkeiten bei gleichzeitig großem Nutzen für die Patienten und das Gesundheitssystem. Unser finnisches Portfoliounternehmen Neuro Event Labs bietet zum Beispiel eine effiziente Ferndiagnose von Epilepsieanfällen an. Diese Daten helfen den Ärzten bei der individuellen Behandlung und Einstellung ihrer Patienten, auch wenn diese hunderte von Kilometern entfernt leben. Eine beeindruckende Sache!

Welche Unterstützung brauchen Mittelständler angesichts der zukünftigen Herausforderungen?

Die Digitalisierung und die großen regulatorischen Zulassungsanforderungen, Stichwort EU-MDR, können auch etablierte Medtech-Mittelständler an ihre Grenzen bringen. Vor allem dann, wenn gleichzeitig die internationale Expansion vorangetrieben werden muss. Das alles erfordert eine gute Eigenkapitaldecke. Die SHS steht hier bereit, Wachstumschancen gemeinsam mit den Unternehmern zu realisieren und gleichzeitig Risiken partnerschaftlich mit zu tragen. Wir agieren seit fast 30 Jahren als Brancheninvestor in der Medizintechnik und unterstützen innovative Unternehmen mit Eigenkapital, Erfahrung und einem großen internationalen Netzwerk.

Werfen wir noch einen Blick in die Healthcare-Zukunft, Herr Dr. Zimmermann?

Corona hat in Deutschland dazu geführt, dass sehr viele Menschen erkannt haben, wie wichtig ein gut funktionierendes Gesundheitssystem und eine schlagkräftige Medtech- und Life-Science-Industrie sind. Ich gehe davon aus, dass die Politik auch in Zukunft unterstützend und fördernd agiert. Mit dem DVG werden sich digitale Technologien durchsetzen, die funktionieren, einen substanziellen Mehrwert aufweisen und sicher sind. In dieser Um- und Aufbruchsituation bieten sich findigen Unternehmerinnen und Unternehmern echte Chancen. Etablierte Unternehmen müssen sich den Herausforderungen entschieden stellen, statt nur zu reagieren. Entscheidend ist bei der Entwicklung neuer Produkte die Einbindung aller Beteiligten (Ärzte, Kliniken, Krankenversicherungen, Patientenvertreter). Das Schlagwort heißt Kooperation. Eine Arbeitsweise, die wir bei der SHS schon seit Jahren pflegen. Insgesamt wird der Healthcare-Markt mittel- und langfristig weiter wachsen, getrieben nicht nur durch Corona, sondern auch aufgrund der sich verändernden Altersstruktur in vielen Industrienationen und den wachsenden Bedürfnissen in den Emerging Markets.

Herr Dr. Zimmermann, wir danken für das Gespräch.