22. Juli 2021 - Newsletter

ESG-Investing im Fokus institutioneller Investoren

Ein Gespräch mit Dr. Hanno Kühn, Chief Investment Officer (CIO) und Leiter des institutionellen Anlagegeschäfts der apoBank, und Hubertus Leonhardt, Geschäftsführer und Partner der SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement mbH

Die apoBank ist als größte genossenschaftliche Primärbank in Deutschland die Nummer eins unter den Finanzdienstleistern im Gesundheitswesen. Zu ihren Geschäftstätigkeiten zählt die Beratung von institutionellen Anlegern wie berufsständischen Versorgungswerken, Pensionskassen, Stiftungen und anderen Kapitalsammelstellen in allen Fragen der Vermögensanlage.
Dr. Hanno Kühn leitet als CIO das institutionelle Anlagegeschäft des Instituts.

Die Tübinger SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement mbH investiert seit 1993 in Medizintechnik-, Healthcare- und Life-Science-Unternehmen mit Fokus auf Expansionsfinanzierungen, Gesellschafterwechsel und Nachfolgesituationen. Zu den Investoren der SHS-Fonds gehören u.a. institutionelle Investoren, Versorgungswerke, Pensionsfonds und Family Offices.
Hubertus Leonhardt ist Geschäftsführer und Partner der SHS.

 

Wie hat sich Ihr Geschäft und Ihr Arbeitsalltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie verändert?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Wie bei vielen anderen Finanzdienstleistern arbeitet auch bei der apoBank seit Ausbruch der Corona-Pandemie der überwiegende Teil der Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice. Das gelingt erfreulich gut. Was das institutionelle Anlagegeschäft betrifft, so ist der Beratungsbedarf der Kunden deutlich gestiegen. Einen entsprechenden Trend beobachten wir bei unseren institutionellen Kunden gleichwohl bereits seit einigen Jahren. Bislang lag das vor allem an den gestiegenen regulatorischen Anforderungen und dem anhaltenden Niedrigzinsniveau. Die klassische Rentendirektanlage allein reicht nicht mehr aus, die versprochenen Zielrenditen zu erfüllen. Vielmehr gilt es, Risiken bewusst und kontrolliert einzugehen. Mit Covid-19 ist nun noch eine allgemeine Unsicherheit im Markt hinzugekommen. In der Folge steigt die Nachfrage nach unabhängigen Risikobewertungen und stichhaltigen Reportings für die Dokumentation gegenüber internen und externen Aufsichten. Da beides recht aufwendig ist, suchen viele institutionelle Anleger hier unsere Unterstützung.

Hubertus Leonhardt, SHS: Die letzten Quartale während der Pandemie waren bei unseren Portfoliogesellschaften und im Transaktionsgeschäft außerordentlich ereignisreich. Für die SHS war es insbesondere bei den Transaktionen die erfolgreichste Zeit seit der Unternehmensgründung. Wir halten derzeit mehr als zwei Dutzend Beteiligungen an Healthcare-Unternehmen aus Deutschland und Europa. Die haben natürlich zum Teil auch unter der Pandemie gelitten, aber alles in allem sind unsere Portfoliounternehmen gewachsen, einige sogar deutlich. In der Wertentwicklung unserer Private-Equity-Fonds zeigt sich das entsprechend. Das freut natürlich unsere Investoren, die ja gezielt auf das Investmentthema Healthcare setzen. Die Healthcare-Branche ist durch Corona mehr ins Scheinwerferlicht gerückt. Politik und Gesellschaft haben die herausragende Bedeutung dieser Branche erkannt. Das hat uns Rückenwind gegeben.

Herr Dr. Kühn, die apoBank sieht zukünftig verstärkten Bedarf an Consulting-Dienstleistungen im Bereich der institutionellen Anleger. Welche Leistungen bieten Sie Ihren Kunden an?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Mit unserer Beratungsdienstleistung apoConsult ermöglichen wir unseren institutionellen Kunden eine zielgerichtete Optimierung ihrer Strategischen Asset Allokation (SAA). Grundlage hierfür ist eine Vermögensanalyse, die eine umfassende Bestandsaufnahme der gesamten Kapitalanlage bietet und Aufschluss über anstehende Zahlungsströme gibt. Gleichzeitig ermitteln wir die kundenindividuellen Rendite-Risiko-Parameter und leiten daraus Optimierungspotenziale für die SAA ab. Die anschließende Umsetzung erfolgt durch einen transparenten und unabhängigen Asset Manager Selektionsprozess, der ein optimales Ergebnis für die Investmentstrategie liefert. Für das Performance- und Risikoreporting verwenden wir unser eigenes bewährtes Risikomanagementsystem. Dieses beinhaltet ein individuelles detailliertes Reporting und Controlling, das turnusmäßig die Ergebnisse der Strategie sowie der einzelnen Ziel-Investments liefert und diese im Hinblick auf die vereinbarten Vorgaben überprüft. Das Reporting kann somit auch als Basis für Gespräche mit internen und externen Gremien dienen.

Die Nachhaltigkeit, so war auf einer Konferenz der apoBank zu hören, spielt auch bei institutionellen Anlegern eine zunehmend wichtige Rolle. Was verstehen Ihre Kunden darunter, und treten die Anleger aktiv mit der Forderung nach ESG-Investing an Sie heran?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Wir beobachten, dass die regulatorischen Anforderungen an unsere Kunden in punkto Nachhaltigkeit stetig zunehmen. Aktuell werden Marktstandards für Kapitalanlage und -reporting entwickelt, die künftig alle in der kapitalgedeckten Altersvorsorge tätigen Einrichtungen beachten und erfüllen müssen. Auch deshalb steigt die Nachfrage nach ESG-konformen Investments rasant. Dabei ist ESG kein neues Thema für professionelle Anleger, denn insbesondere die akribische Analyse der Komponenten „Social“ und „Governance“ ist ein grundsätzlicher Baustein zur Vermeidung von Ausfallrisiken. Auch in der Hochphase der Covid-19-Krise haben sich nachhaltige Investments bewährt. So lässt sich anhand entsprechender MSCI-Indices zeigen, dass ESG-Anlagen deutlich besser abschnitten als solche ohne Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten.

Herr Leonhardt, die SHS beteiligt sich seit 27 Jahren an Unternehmen aus dem Bereich Medtech/Healthcare. ESG-Investing ist für die SHS nichts Neues. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Beteiligungen aus?

Hubertus Leonhardt, SHS: Die von Herrn Dr. Kühn angesprochene bessere Performance von ESG-Anlagen würden wir sowohl bei Private und Public Equity erwarten, das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Firmen ohne überzeugende ESG-Positionierung mit höheren Kapitalkosten auseinandersetzen müssen. Wir bei SHS orientieren uns seit fast 30 Jahren an ethischen Standards bei unseren Beteiligungen. Das schließt ESG-kritische Industrien wie fossile und nukleare Energie, Tabak, Alkohol und Waffen grundsätzlich aus. Innerhalb der Healthcare-Branche schließen wir auch die Präimplantationsdiagnostik oder die Arbeit mit embryonalen Stammzellen aus. Der Healthcare-Sektor bietet nach wie vor sehr gute Wachstumschancen und Beteiligungsmöglichkeiten für uns als spezialisiertes Private-Equity-Unternehmen. Wir haben mit Dr. André Zimmermann einen erfahrenen Head of ESG auf Partnerebene, der dafür sorgt, dass die ESG-Kriterien eingehalten werden. Operativ nutzen wir das Analysetool des europäischen Private-Equity-Verbandes, das wir an den Healthcare-Bereich angepasst haben.

Aktuell plant die SHS ihren sechsten Fonds, den SHS VI. Wer investiert in SHS-Fonds, und gibt es seitens der Fonds-Kunden Anforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit und ESG?

Hubertus Leonhardt, SHS: Zu unseren Fonds-Investoren gehören viele institutionelle Anleger, darunter Pensionskassen, Versorgungswerke, Kirchen, Krankenversicherungen und Industrieunternehmen. Hinzu kommen Family Offices, HNI und natürlich die SHS-Manager selbst. Gerade bei den institutionellen Anlegern, die ihren Kunden oder Pensionsberechtigten verpflichtet sind, hat das Thema Nachhaltigkeit und ESG stark an Bedeutung gewonnen, und die Portfoliomanager erwarten zu Recht, dass die ESG-Anforderungen auch von den Portfoliounternehmen nachvollziehbar beachtet werden und dies dokumentiert wird. Aber selbstverständlich haben auch institutionelle Anleger, denen ESG wichtig ist, eine klare Renditeorientierung. Diese ist versehen mit der Bedingung: Wirkung gerne auch im sozialen Bereich. Dies kann natürlich mit einem Investment im Sektor Healthcare gut erreicht werden.

Herr Dr. Kühn, was raten Sie institutionellen Anlegern, die nachhaltig investieren möchten, aber auch Wert auf eine langfristig gute Rendite legen? Wie zerstreuen Sie Bedenken, dass Nachhaltigkeit und Rendite nicht zusammengehen?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Wie bereits erläutert, stehen ESG-konforme Investments für uns in engem Zusammenhang mit der Vermeidung von Ausfallrisiken. Gerade in einer Niedrigzinsphase schmerzen Kursverluste bis hin zum Totalausfall doppelt und sollten unbedingt vermieden werden. Hierbei unterstützen wir mit unserer unabhängigen Bonitätsanalyse APO Score. Neben einer Vielzahl von qualitativen und quantitativen Faktoren fließen bei dem Scoringverfahren auch die Nachhaltigkeitskriterien mit ein. Wir untersuchen unter anderem die Bemühungen der Emittenten, ihre ESG-Position zu verbessern. Werden diese Ziele erreicht, kann sich das beispielsweise positiv auf den Kurswert einer Anleiheemission auswirken. Die Nachhaltigkeitsbestrebung zahlt sich dann für den Anleger aus. Gleichzeitig setzen wir in den institutionellen Anlageportfolios, die wir betreuen, auf ein möglichst ausgewogenes Verhältnis von Rendite und Risiko. Vor diesem Hintergrund trägt nachhaltiges Investieren in hohem Maße zur Stabilität der Portfolios bei – ein wichtiger Aspekt für jeden verpflichtungsorientierten Anleger, wenn es darum geht, die Renditezusagen an seine Kunden zu erfüllen.

Welche Rolle spielt der Medtech- und Gesundheitssektor in Ihren Anlageüberlegungen, Herr Dr. Kühn?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Der Gesundheitsmarkt erfährt seit Längerem verstärkte Aufmerksamkeit bei institutionellen Investoren, da er weltweit bedeutende Wachstumsraten aufweist. Als Bank, die auf den Gesundheitssektor spezialisiert ist, tragen wir diesem Umstand auch auf der Anlageseite Rechnung – durch diverse Investitionsalternativen für private und institutionelle Anleger. Für institutionelle Anleger werden Investments in den Gesundheitsmarkt besonders interessant, wenn man sie mit Private Equity kombiniert, einer Anlageklasse, die sich im letzten Jahrzehnt signifikant überdurchschnittlich entwickelt hat.

Herr Leonhardt, welchen Einfluss nimmt die SHS als Private-Equity-Investor, um bei ihren Portfoliofirmen das Thema Nachhaltigkeit und ESG zu verankern?

Hubertus Leonhardt, SHS: Wir haben uns immer als aktiver Private-Equity-Investor verstanden, das wissen unsere Anleger. Das bedeutet, dass wir grundsätzlich im Beirat oder Aufsichtsrat unserer Portfoliounternehmen vertreten sind und dabei nachhaltiges Handeln fördern. Daneben werden die ESG-Fortschritte unserer Beteiligungen regelmäßig in einem Monitoring dokumentiert, so dass sich Verbesserungen über längere Zeiträume aufzeigen lassen. Da wir aber schon im Auswahlprozess für unsere Beteiligungen ESG-Kritierien anlegen, haben wir es eigentlich immer mit Ansprechpartnern in den Portfoliounternehmen zu tun, die das Thema ESG auf dem Radarschirm haben.

Angesichts der noch nicht besiegten Corona-Pandemie hat das Thema Healthcare stark an Bedeutung gewonnen, auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wie sehen Sie die Entwicklung des Healthcare-Sektors in den nächsten Jahren?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Der Gesundheitsmarkt ist ein absoluter Wachstumsmarkt. Das liegt zum einen am demografischen Wandel, der für eine langfristig wachsende Nachfrage sorgt: in Industrieländern durch die steigende Lebenserwartung, in Schwellenländern durch den steigenden Wohlstand. Zum anderen am technologischen Fortschritt und der damit einhergehenden zunehmenden Digitalisierung der Branche. Wo Gesundheit und IT aufeinandertreffen, entstehen neue Geschäftsmodelle, die auf innovative Weise die Effizienz und Effektivität der Gesundheitssysteme verbessern. Dass sich der Gesundheitsmarkt dabei als relativ immun gegen Konjunkturschwankungen erweist, macht ihn zusätzlich attraktiv. Letzteres wird derzeit besonders deutlich: Durch Covid-19 hat die Gesundheitsbranche noch an strategischer Bedeutung gewonnen, was die Übernahmeaktivitäten im Sektor weiter befeuern sollte.

Hubertus Leonhardt, SHS: Das sehe ich ganz genauso: der Gesundheitsmarkt ist ein Wachstumsmarkt mit Zukunft. Das sieht man derzeit auch am Transaktionsmarkt, der brummt richtig. Internationale Konzerne sind häufig auf der Suche nach innovativen Medtech-Mittelständlern oder vielverprechenden Wachstumsunternehmen. Mit diesen Akquisitionen wollen die großen Player ihr Angebot ergänzen oder abrunden. Die deutschen und europäischen Medtech-Unternehmen zählen zu den innovativsten der Welt. In Sachen Patentanmeldungen ist die Branche seit Jahren spitze. Die Digitalisierung wird der Healthcare-Industrie, die stark mittelständisch geprägt ist, einen enormen Schub verleihen, weil auch die Politik in den letzten 12 Monaten erkannt hat, dass das schlechte Digitalisierungsniveau unseres Gesundheitswesens nicht länger hinnehmbar ist. Dazu kommt die Künstliche Intelligenz, von der manche Experten sagen, sie werde das Gesundheitswesen revolutionieren. Healthcare-Unternehmen, die diese Herausforderung annehmen, haben sehr gute Aussichten – ob Mittelständler oder Wachstumsunternehmen. Wir werden diese Entwicklung aktiv begleiten und mit unseren SHS-Fonds gezielt unterstützen. Das konstante Interesse an unseren Portfoliofirmen stimmt uns zuversichtlich.

Welchen Rat haben Sie für institutionelle Anleger in diesen Zeiten?

Dr. Hanno Kühn, apoBank: Erstes Gebot ist, Ruhe zu bewahren. Wer seine Portfolien ausgewogen und breit diversifiziert aufgestellt und entsprechend abgesichert hat, wird die aktuelle Volatilität im Markt weitgehend unaufgeregt an sich vorbeiziehen lassen können. Wichtig ist, die Strategische Asset Allokation regelmäßig zu überprüfen und das Risiko fortlaufend zu überwachen.

Hubertus Leonhardt, SHS: Diversifikation über alle Anlageklassen ist in der Tat ein wichtiges Thema. Bei der Suche nach absoluten Erträgen kann eine Allokation in Private Equity eine sinnvolle Strategie für die Vermögensanlage sein. Wir sehen, dass hier viele Investoren den Bereich ausbauen. Gerade auch den institutionellen Anlegern aus dem Bereich des Managements von Renten- und Versorgungsansprüchen würde ich empfehlen, sich intensiver mit der dynamischen und resilienten Healthcare-Branche zu befassen. Healthcare ist gewissermaßen auch ein Hedge gegen die versicherungsmathematischen Langlebigkeitsrisiken. Es ergibt sicher Sinn, dies dann sowohl in der liquiden Allokation als auch im Bereich der Private-Equity-Allokation zu berücksichtigen. Für beide Bereiche gilt: Ich würde im Universum der Portfoliomanager gezielt nach Sektor-Spezialisten suchen.

Vielen Dank für das Gespräch.